Føljeton

Die Berlinerwanderung

Madame warf ihre Schatten quer über Strassen und Seen in der verschneiten deutschen Hauptstadt.

Freitag 22. Januar 2016. Vom Deutschen Theater über Brandenburger Tor, Tiergarten, Kurfürstendamm & Grunewald zum Kleistgrab am Wannsee

23:59
Am späten Abend vor ihrer großen Berlinerwanderung nimmt Madame das ebensogroße Reinhardtsche Bildnis von der Wand in ihrem Reinhardtzimmer. Jedes Mal, wenn sie sich umdrehte, saß er nur da, plump und trocken, wer ist denn das, fragte sie sich, Erich Honecker? Mit so einem Biedermann kann ich nicht leben. Und runter ging er.

03:33
In tiefer Nacht wandelt sie alleine als einziges Lebewesen durch das große alte Theater: Die weiße Dame im weißen Schloß.

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9:45
Am späten Morgen (wie die Sonne ist auch Madame zur Zeit keine Frühaufsteherin) verläßt Madame zu Fuß ihre Berliner Residenz. Entlang der Reinhardtstrasse, Friedrichstrasse, Richtung Brandenburger Tor. Der Tag ist kalt, weiß und knusprig klar, Lichtfluss in Frostluft, sibirisch!

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10:04
Die erste Flagge des Tages ist natürlich: die Russische, blau- weiß-rot weht sie über den Menschen (Unter den Linden) in das Himmelblau.

Ein schöner Tag zum Sterben!

Um sie herum bewegt sich die Menschheit in Gruppen, ist sie die einzige Einzelgänger? Die Sprachen sind Slawisch, Japanisch, Mandarin, Spanisch, nur eine einzige Gruppe von Schülern spricht Germanisch. Jede Gruppe hat ihren Führer, der spricht, sie lauschen und lachen immer wieder auf, nur die Chinesen nicht, ihre Gesichter sind ausdruckslos, sie spucken Unter den kahlen Linden.

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10:13
Das Brandenburger Tor ist wieder zu, der Weg in die Welt versperrt und besetzt von einem Riesengebäude, die neue Weltmacht ist weiss und nennt sich »Mercedes Benz Fashion Week«. Aus dem Palast dieser neuen Republik geht unterirdisch ein Rollen und Dröhnen aus; es spielt der DJ des Catwalks, gesichtslos.

10:37
Alleingang durch den Tiergarten, hier ist weder Mensch, noch Tier, nur Licht, Schnee, Buche und Birke.

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10:54
Als Madame einst, in einem anderen Jahrtausend, ein kleiner Junge war, gab es in Berlin nur einen Ort und einen Menschen, eine Königin oder Untergängerin: Christiane F. und die Kinder vom Bahnhof Zoo.

11:01
Kurfürstendamm, ein Babylon der Zungen, russisch, chinesisch, arabisch, türkisch, ein Fluss aus Menschenkörpern, viel Leben, aber kein Wohnen, gibt es denn keine Einwohner in dieser Stadt? denkt sie nach den ersten zwei Stunden ihrer Berlinerwanderung.

11:17
Untergang eines Reiches /einer Kultur: Einst schrieb der grosse Theodor Mommsen seine Römische Geschichte. Seine Enkel trugen die Geschichte als Historiker weiter. Der heutige Mommsen, Oliver, spielt Komödie im Theater am Kurfürstendamm: »Lieber schön« als gebildet.

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11:24
Versace, Gucci, Bulgari, Cartier, Chanel, Dolce & Gabbana, Ermenegildo Zegna, Elena Miró und Paloma Picasso, die Kunst ist zur Mode geworden, aber die Gallerien, zu Schaupalästen geworden, stellen sich menschenleer zur Schau. Vielleicht, denkt sie, kommt jede zweite Woche eine Russin vorbei und spendet im nullkommanichts eine Million, oder tausende.

12:01
Jenseits der Schaubühne (»Rette die Welt!«) endlich wieder ein bisschen Leben, als ob die Menschen hier sogar wohnen. Am Stehimbiss vor dem Kaiser’s hört sie im Vorbeiwandern: »hallo, eine Bockwurst mit Brötchen, danke«, als ob sie in Deutschland wäre!

12:37
Am Geländer auf der Brücke über dem riesigen Bahngrab Berlin Halensee steht ein Stehcafé, und daran angelehnt, noch stehend, zwei Penner, die ihren Kaffee aus Plastikbechern trinken. Soll sie sich zu ihnen gesellen, warum nicht, einst ist auch sie verlorengegangen? Und doch geht sie an ihnen vorbei, weiter, immer weiter muss sie, vielleicht, denkt sie, erscheint jenseits dieser Brücke ein Wohnviertel, und in diesem: ein kleines hübsches Café, Raum für ältere Frauenzimmer.

12:56
Nach dem Rathenauplatz biegt sie rechts in die Königsallee, und endlich: hier wohnen Menschen, in Riesenvillen, ja, fast Paläste sind es, aus allen Jahrzehnten des Zwanzigsten Jahrhunderts, Art Deco, Jugendstil, Funktionalismus, Postmodernismus, Neoneoklassizismus; nur ist hier kein Leben, nur lauter (lauter) Autoverkehr.

13:11
Über eine Mauer reitet ein glänzendes Mosaik von Ritter, hornblasend, von Hunden umwirbelt, »Aufbruch zur Jagd unter Kurfürst Joachim II. vom Jagdschloss Grunewald«.

13:28
Vor dem schwarzen Gitter eines weißen Palastes unter der türkischen Fahne ein Aufgebot von Polizeiwagen, auf dem Bürgersteig stehen zwei Meter große schwer bewaffnete Polizistinnen, alles wegen des Flüchtlingstroms, von dem sie auf ihrer langen Wanderung durch die Weltstadt bis jetzt keine Spur gesehen hat, nicht mal den Schatten eines Flüchtlings, schwarz auf weiß in den Schnee geworfen.

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13:41
Jenseits des Hundekehlesees geht sie im Grunen Wald glücklich verloren, aus der älteren Madame wird eine Schneekönigin, sogar eine Christähnliche: Am Ufer des Grunewaldsees steht ein Schild: »Lebensgefährlich«. Sie liest es wie eine Aufforderung, ein Gebot, und so geht sie auf den See hinaus.

13:51
Schneeblind wandert sie über den See, die Schattenwerferin: erster Schattenwurf: Der Grunewaldseeschatten.

13:59
In diesem weißen Grunewaldreich der Reichen wandern die Frauen ohne Männer; statt Männer haben sie riesengroße Hunde, immer wieder laufen Windhunde schwerelos, wie Pferde ohne Ritter, an der Seite von Madame, graziös und doch kränklich, ein Leben im Sterben.

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14:15
Madame tritt ins »Forsthaus Paulsborn« ein wie eine Gräfin, Hornmusik und prominente Gäste, alle sind sie in schwarz-weiß gekleidet, keine störenden Farben, nur der Kachelboden schwelt dunkelrot wie Blut, Madame muss an Kleist denken, den bevorstehenden Freitod.

Beim Hinausgehen tragen die Frauen Blumensträusse, Madame bleibt alleine zurück an der Bar, die Diener, auch alle schwarz-weiß gekleidet, starren sie an, als wäre sie ein Unmensch.

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14:47
Jenseits des Hüttenwegs, mitten im Wald, hat jemand versucht – noch zu früh – sich zu erschießen, ohne Glück: im weißen Schnee ein dunkelrotes Blutgebilde, und davon weiter, immer weiter in den Wald hinein läuft eine Blutspur aus Tropfen. Wie eine Besessene mus sie den Spuren folgen, tiefer und tiefer in den Wald hinein, und schließlich findet sie keinen Weg weiter.

15:13
Wie ein Hirsch stolpert sie durch das Gestrüpp entlang den Fenngraben, schwarz und unüberquerbar wie der Styx schimmert der Graben zu ihr herauf.

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15:59
Im Jenseits kommt es doch noch zu weiteren Schattenwürfen:
Krumme Lankeschatten
Schlachtenseeschatten

Die Sonne geht im orangen Flammenblutbad unter und frisst ihren Seeschatten, der Mond geht auf, eiskalt und rund über der Welt.

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16:34
Auf der Spinner-Brücke über dem Grab Nummer 115: Das Autobahngrab

17:09
Literarisches Colloquium Wannsee: als Madame zum ersten Mal, als sie noch ein junger Junge war, nach Berlin kam, fuhr sie mit ihrem Berliner Freund Matti vom Prenzlauer Berg nach Wannsee, um dort eine Lesung der beiden Berg-Dichterhelden Bert Papenfuss-Gorek und Sascha Anderson beizuwohnen. Das war Die Wende: aus Dichterhelden wurden Stasidichter, ach!

17:39
»Am Grab, völlig entkräftet, wie komme ich weg von hier, gibt es für mich noch einen Weg zurück zu den Menschen?«

Also sprach Madame Nielsen,
Berlin Wannsee, Freitag 22. Januar 2016
unter dem vollen Mond
über dem Kleistgrab
.

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Følg Madame Nielsens Europvandringer. Introduktion og links til alle vandringerne kan findes her.




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